Letzte Änderung: 21. Februar 2011

Graduiertenkolleg »Europäisches Privat- und Wirtschaftsrecht«

Vom 1. Januar 1996 bis 31. Dezember 2004 bestand an der Humboldt-Universität zu Berlin das mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Graduiertenkolleg »Europäisches Privat- und Wirtschaftsrecht«. Das Graduiertenkolleg soll dazu beitragen, daß das Privat- und Wirtschaftsrecht wissenschaftlich allmählich aus seiner nationalen Isolierung gelöst wird und statt dessen als europäische Disziplin begriffen und im europäischen und internationalen Rahmen diskutiert werden kann.

I. Forschungsperspektive

In dem Kolleg sollen Dissertationen entstehen, bei denen die gesamteuropäische Perspektive im Vordergrund steht. Ziel ist es, den europäischen (und internationalen) Rechtsstoff, der in den verschiedenen Einzelsystemen vorzufinden ist und der kritisch weiterentwickelt werden soll (Landesrechte, internationale Einheitsgesetze, Gemeinschaftsprivatrecht, Internationales Privatrecht), als Teil eines Gesamtgefüges zu begreifen. Es soll eine rechtswissenschaftliche Literatur entstehen, die auch geeignet ist, zur Vorbereitung eines europäischen Rechtsunterrichts zu dienen. Das Thema und die Darstellung der einzelnen Arbeiten sollen daher unabhängig von einzelnen Landesrechtsordnungen definiert werden. Rein bilateral rechtsvergleichende Arbeiten oder solche, die ein Thema zwar mit rechtsvergleichender Umschau behandeln, aber hauptsächlich einen Beitrag zur Entwicklung eines einzelnen nationalen Rechts leisten wollen, werden durch das Graduiertenkolleg nicht gefördert.

II. Dissertationen

Im Privatrecht werden Arbeiten gefördert, die sich als Beitrag zu einer europäischen Gesetzgebung, Rechtsprechung und Rechtswissenschaft im Kernbereich des Bürgerlichen Rechts und Handelsrechts (Schuldrecht, Sachenrecht, Gesellschafts- und Verbandsrecht, Verfahrensrecht) verstehen lassen und Bezug zur Herstellung des Binnenmarktes haben. Im Bereich des Wirtschaftsrechts fördert das Kolleg Vorhaben, welche die rechtlichen Grundstrukturen des europäischen Marktes (zum Beispiel Grundfreiheiten, Wettbewerbsordnung) oder die rechtlichen Aspekte vor allem der Märkte für Kapital, Telekommunikation, Energie und des Arbeitsmarktes behandeln. Alle Arbeiten verbindet der methodische Ansatz einer europäischen Behandlung des Rechtsstoffes und das Ziel der Förderung des Binnenmarktes.

III. Studienprogramm

Für die Teilnehmer wird ein spezielles, regelmäßig stattfindendes Kollegseminar veranstaltet, das der wechselseitig anregenden Auseinandersetzung zwischen Doktoranden und beteiligten Hochschullehrern dient mit dem Ziel, die Kollegiaten an eine europäische Perspektive heranzuführen, ihnen eine bleibende Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit im europäischen Rahmen zu vermitteln und so zu einer allmählichen Herausbildung eines "europafähigen" wissenschaftlichen Nachwuchses beizutragen. Zusätzlich zu dem Kollegseminar werden von den beteiligten Professoren in regelmäßigen Abständen Einführungskurse in diejenigen Gebiete gehalten, die für die Entwicklung einer länderübergreifende Methode der Rechtswissenschaft von besonderer Bedeutung sind, nämlich Rechtsgeschichte, Rechtsvergleichung, Rechtssoziologie, Rechtsökonomik und Rechtstheorie. Um die Kollegiaten im Umgang mit ausländischen Materialien zu schulen, veranstaltet das Kolleg ferner regelmäßig Kompaktkurse, die in das praktische wissenschaftliche Arbeiten mit dem Standardmaterial einzelner Landesrechtsordnungen oder internationaler Institutionen oder Bereiche (zum Beispiel EG-Recht, internationales Einheitsrecht, internationales Vertragswesen) einführen, sowie Kolloquien, die Gelegenheit geben, mit interessierten Juristen aus dem In- und Ausland Fragen zu diskutieren, die für die Vorhaben der Kollegiaten von Bedeutung sind. An der Organisation solcher Kolloquien sind die Kollegiaten beteiligt.

IV. Sprachausbildung

Eine europäische Rechtswissenschaft kann nur entstehen, wenn Rechtsliteratur verschiedener Länder ohne Schwierigkeiten gelesen werden kann. Auch die kleineren Staaten Europas, so zum Beispiel die skandinavischen Länder oder die Niederlande, bieten wertvollen Rechtsstoff, der gegenwärtig mangels hinreichender Sprachkenntnisse von den rechtsvergleichend tätigen Juristen nur unzureichend erschlossen werden kann. Die Teilnehmer des Kollegs müssen sich daher verpflichten, zusätzlich zu den ihnen bereits bekannten Fremdsprachen während der Dauer des Kollegs die Befähigung zum Lesen mindestens einer weiteren Fremdsprache zu erwerben und dies durch entsprechende Prüfungen oder Zeugnisse nachzuweisen, sei es im Rahmen des Fremdsprachlichen Rechtsstudiums der Humboldt-Universität, sei es am Fremdsprachenzentrum der Universität oder auch außeruniversitär.

V. Beteiligte Professoren

Das Kolleg wird getragen von den Professoren des Instituts für Deutsches und Europäisches Unternehmens-, Wirtschafts- und Arbeitsrecht der Humboldt-Universität - Flessner (2. Sprecher), Kirchner, Raiser, Schwark, Schwintowski und Windbichler (1. Sprecher).

VI. Adressaten des Kollegs

Das Kolleg richtet sich an besonders qualifizierte Juristinnen und Juristen mit mindestens einem vollbefriedigenden Examen oder einem gleichwertigen ausländischen Abschluß, die möglichst mehrere, mindestens aber eine europäische Fremdsprache lesen können und die bereit sind, überwiegend in Berlin oder Umgebung präsent zu sein. Da die finanzielle Förderung des Kollegs Ende 2004 planmäßig ausläuft, können 2004 keine weiteren Stipendien vergeben werden.

VII. Abgeschlossene Dissertationen

Nikolaus Bardenhewer: Der Firmentarifvertrag in Deutschland, Großbritannien und Frankreich
Camilla Bausch: Nutzungsregeln im liberalisierten Strommarkt der Europäischen Union - Eine rechtsvergleichende Untersuchung der europäischen Vorgaben sowie der Regime in Deutschland, Frankreich und England/Wales unter besonderer Berücksichtigung der »Essential Facilities«-Doktrin
Wolf v. Bernuth: Die rechtliche Behandlung der Urheberrechte bei der Nutzung von schriftlichen Werken für den Unterrichtsgebrauch in den europäischen Staaten
Friedrich Blase: Die Grundregeln des Europäischen Vertragsrechts als Recht grenzüberschreitender Verträge (Beiträge zum Internationalen Wirtschaftsrecht Band 1), quadis publishing: Münster 2001. ISBN: 3-934587-51-8.
Till Böhmer: Der Schutz von Minderheitsaktionären bei Übernahmen börsennotierter Gesellschaften in Europa
Christian Bornhorst: Der Gesellschaftsanteil als Kreditsicherheit im europäischen Privatrecht - Gesellschafts- und sachenrechtliche Grundlagen
Albrecht Conrad: Qualifikationsfragen des Trust im Europäischen Zivilprozessrecht (Studien zum vergleichenden und internationalen Recht Band 57), Europäischer Verlag der Wissenschaften Peter Lang: Frankfurt am Main 2001. ISBN: 3-631-37322-8.
Anne Danco: Die Perspektiven der Anspruchsverjährung in Europa (Berliner Juristische Universitätsschriften Zivilrecht Band 35), Berlin Verlag 2001. ISBN: 3-8305-0210-9.
Till H. Fock: Die europäische Handelsvertreter-Richtlinie, Kompetenzgrundlage, Systematik, Angleichungserfolg (Europäisches Privatrecht Band 15), Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2001. ISBN: 3-7890-7260-5.
Richard E. Himmer: Energiezertifikate in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union
Jens Kuhlmann: Der Ausgleich unter Gesamtschuldnern in Europa. Ein Beitrag zur Entwicklung des Europäischen Privatrechts
Bernhard Gause: Europäisches Konzernrecht im Vergleich - Eine Untersuchung auf der Grundlage des portugiesischen Rechts (Berliner Juristische Universitätsschriften Zivilrecht Band 33), Berlin Verlag 2000. ISBN: 3-8305-0122-6.
Wilhelm Hartung: Geschichte und Rechtsstellung der Compagnie in Europa - Eine Untersuchung am Beispiel der englischen East-India Company, der niederländischen Vereenigten Oostindischen Compagnie und der preußischen Seehandlung
Uta Itzen: Europäisierung des Wettbewerbsrechts durch den elektronischen Handel (Europäische Hochschulschriften Band 3560), Verlag Peter Lang: Frankfurt am Main 2003. ISBN: 3-631-50192-7.
Nikolaus von Jacobs: Die Entgeltregulierung des nationalen Festnetzsprachtelefondienstes auf europäischen Telekommunikationsmäkten (Ökonomie und Recht globaler Netze - Energie - Information - Verkehr - Band 3), Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2001. ISBN: 3-7890-7470-5.
Stefan Klauer: Das europäische Kollisionsrecht der Verbraucherverträge zwischen Römer EVÜ und EG-Richtlinien (Studien zum ausländischen und internationalen Privatrecht Band 99, Mohr-Siebeck 2002. ISBN: 3-16-147900-9).
Katja Klinkhardt: Verbundnetzvertrag (Energiewirtschaft)
Jens Kuhlmann: Der Ausgleich zwischen Gesamtschuldnern in Europa. Ein Beitrag zur Entwicklung eines Europäischen Privatrechts
Johannes Lübking: Ein einheitliches Konzernrecht für Europa (Wirtschaftsrecht und Wirtschaftspolitik Band 168), Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2000. ISBN: 3-7890-6921-3.
Catherine Mackensen: Schulbücher im Binnenmarkt - Die rechtlichen Rahmenbedingungen für den europäischen Schulbuchhandel im Spannungsfeld von wirtschaftlicher Integration und nationaler Bildungsautonomie (Berliner Juristische Universitätsschriften Zivilrecht Band 27), Berlin Verlag 2001. ISBN: 3-8305-0209-5.
Gunnar Pampel: Rechtsnatur und Rechtswirkungen horizontaler und vertikaler Leitlinien im reformierten europäischen Wettbewerbsrecht
Markus G. Renfert: Über die Europäisierung der ordre public Klausel (Internationalrechtliche Studien Band 25), Verlag Peter Lang: Frankfurt am Main 2003. ISBN: 3-631-51122-1.
Andrea Sandrock: Vertragswidrigkeit der Sachleistung - Eine Untersuchung zum europäischen Privatrecht (Studien zum ausländischen und internationalen Privatrecht Band 104), Verlag Mohr-Siebeck: Tübingen 2003. ISBN: 3-16-148119-4.
Oliver Schaar: Programmintegrierte Fernsehwerbung in Europa; Zum Stand der kommunikationsrechtlichen Regulierung in Europa (Materialien zur interdisziplinären Medienforschung Band 40), Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2001. ISBN:3-7890-7274-5.
Lutz Gerald Schmidt: Die Vertragsaufhebung durch den Warenkäufer - eine rechtsvergleichende Untersuchung mit Interessenanalyse mit Ausblicken auf ein mögliches europäisches Schuldvertragsrecht (Europäisches Vertragsrecht Band 23), Nomos Verlagsgesellschaft: Badeb-Baden 2003. ISBN: 38329-0416-6.
Volker Schmitz: Die kommerzielle Kommunikation im Binnenmarkt im Lichte der neueren Rechtsprechung zur Warenverkehrsfreiheit (Europäisches Privatrecht Band 12), Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2000. ISBN: 3-7890-6581-1.
Ulrich Schroeter: UN-Kaufrecht und Europäisches Gemeinschaftsrecht: Verhältnis und Wechselwirkungen
Johannes Schulte: Die europäische Restschuldbefreiung. Zu den rechtsvergleichenden und kollisionsrechtlichen Aspekten der Restschuldbefreiung im europäischen Insolvenzrecht (Potsdamer Rechtswissenschaftliche Reihe Band 11), Springer-Verlag: Berlin Heidelberg 2001. ISBN: 3-540-41489-4.
Robert Schulz: Der Zugang zum »blanken Draht« im Telekommunikationsrecht: Wettbewerb im Netz oder Wettbewerb zwischen Netzen? (Europäisches Wirtschaftsrecht Band 22), Verlag C.H. Beck: München 2001. ISBN: 3-406-48214-7.
Irina Soeffky: Vertragliche Gewinnhaftung in Europa
Frank Stollhoff: Der Ausschluss von Marktrisiken durch Essential Facilities unter Art. 82 EGV (Ökonomie und Recht globaler Netze - Energie - Information - Verkehr - Band 2), Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2000. ISBN: 3-7890-6861-6.
Thomas Strauß: Insolvenzbezogene Geschäftsleiterhaftung in Europa, Logos Verlag Berlin 2001. ISBN: 3-89722-829-7.
Frank Westphal: Der Erwerb eigener Aktien in ausgesuchten Staaten der Europäischen Union
Sebastian Wulff: Kündigungsschutz und Mietzins im Gewerberaummietrecht Europas, dissertation.de: Berlin 2001. ISBN: 3-89825-226-4.
Irka Zöllter-Petzoldt: Die Gründung einer gemeinsamen Tochter-SE nach dem Statut über die Societas Europaea, verabschiedet vom Rat der EG am 08.10.2001