Humboldt-Universität zu Berlin - Prof. Dr. Ulrike Lembke

Humboldt-Universität zu Berlin | Juristische Fakultät | Prof. Dr. Ulrike Lembke | Lehre | SoSe 2022 | Projektstudium "Geschlechterverhältnisse, Rassifizierung und Rassenideologien im deutschen Kolonialismus. Strukturen, Diskurse, Kontinuitäten"

Projektstudium "Geschlechterverhältnisse, Rassifizierung und Rassenideologien im deutschen Kolonialismus. Strukturen, Diskurse, Kontinuitäten"

Lehrende:

Prof. Dr. Ulrike Lembke

 

Ort & Zeit: 

Do, 10.00-12.00 Uhr, DOR24 Raum 2.102

Bitte beachten Sie ggf. abweichende Termine zu den Exkursionen

 

Beschreibung:

Über den deutschen Kolonialismus ist (aus dem Schulunterricht) oft wenig mehr bekannt, als dass er von kurzer Dauer, geringer Ausbreitung und quasi ohne Auswirkungen gewesen sei. Dies ist weder für das Kaiserreich als Kolonialstaat noch für die kolonisierten Gesellschaften zutreffend, die von kolonialen Praxen und Wissensproduktionen nachhaltig beschädigt und geprägt wurden. Die Forschung hierzu ist in Bewegung gekommen. Ausgeübtes und erlittenes Unrecht, Vernichtung und Widerstand, Ausbeutung und epistemische Gewalt werden ebenso sichtbar gemacht wie ihre Wirkungen weit über das formelle Ende der deutschen Kolonien hinaus.

Der deutsche Kolonialismus war ein zentrales Element der „Nationwerdung“ des Kaiserreiches als deutscher Nationalstaat. Das Staatsbürgerschaftsrecht bestimmte anhand des ius sanguinis (Recht des Blutes) Prinzips über Inklusion und Exklusion und verstärkte Mythen um die Reinheit weißen Blutes und die angeborene Zugehörigkeit zur überlegenen Nation. Die Rassenideologien des 19. Jahrhunderts fanden in Deutschland besonders viel Anklang; es entstanden sogar verschiedene Schulen, die gerade in ihrem scheinbaren Dissens die Überlegenheit der „weißen Rasse“ (pseudo‑) wissenschaftlich zu bestätigen schienen. Im Kaiserreich selbst wurde restriktives Staatsbürgerschafts- und Zuwanderungsrecht sowie das damals schon eher ungewöhnliche Mittel der Massenausweisung eingesetzt, um unerwünschte Einwanderung aus Osteuropa zu beschränken. In den deutschen Kolonien konnten die Rassenideologien unmittelbar umgesetzt werden, indem den indigenen Bevölkerungen der Status von „Eingeborenen“ zugewiesen wurde, welche durch repressive Praxen unterdrückt, ausgebeutet und vernichtet werden konnten.

Der deutsche Kolonialismus war ein wirtschaftliches und geopolitisches Machtprojekt. Die indigene Bevölkerung wurde als Störfaktor oder als ausbeutbare Arbeitskraftressource angesehen. Von der unhinterfragten, tief verinnerlichten Vorstellung „höherer“ und „niederer Rassen“ und der daraus folgenden Befugnis weißer Deutscher, über Körper, Existenz und Zukunft nicht-weißer Menschen zu entscheiden, zeugt die Debatte um „Rassenmischehen“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Reichstag und Fachpublikationen ebenso wie Passpflicht und Waffenverbot, Kreditvorbehalt und Residenzpflicht, Arbeitszwang und grausame Körperstrafen für „Eingeborene“ in den afrikanischen Kolonien und die Vernichtungskriege gegen sie. In einigen deutschen Kolonien entstand ein segregierendes „Rasserecht“, welches teils selbst einen „Tropfen schwarzen Blutes“ genügen ließ, um jegliche Rechte oder die Möglichkeit gesellschaftlichen Aufstiegs auszuschließen, während zugleich die weißen Kolonisten um ihren gesellschaftlichen Status fürchten mussten, wenn sie sich nicht genügend von den „primitiven Eingeborenen“ abgrenzten.

Um die Unterdrückung und Ausbeutung anderer Bevölkerungen zu rechtfertigen, wurde aus den Rassenideologien ein „Zivilisationsauftrag“ der weißen Kolonisten abgeleitet. Der Kolonialismus wurde damit als Austauschprojekt imaginiert, mit welchem das Kaiserreich Rohstoffe, Arbeitskräfte und geopolitischen Einfluss erhielt, während die „Eingeborenen“ im Gegenzug mit technischen Errungenschaften und vor allem den kulturellen und sozialen Überlegenheiten der deutschen Kolonisten wie patriarchaler Kleinfamilie, geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und „deutschen Tugenden“ beglückt wurden. Für diese Zivilisierungsmission spielten auch weiße deutsche Frauen eine wesentliche Rolle, da sie für die Vermehrung der weißen Bevölkerung benötigt und ihnen die Aufgabe der kulturellen Zivilisierung von Männern und von „Eingeborenen“ zugewiesen wurde. In den Kolonien entstanden komplexe Herrschaftsverhältnisse, in denen weiße Frauen, welche der Gewalt des pater familias ausgeliefert waren, ihrerseits Macht über nicht-weiße Frauen und Männer erhielten, während sich die weißen Kolonisten ihre sexuellen Zugriffsrechte auf weiße Frauen und auf kolonisierte Frauen als Ausdruck ihrer doppelten Privilegierung in geschlechtlichen wie rassistischen Herrschaftsverhältnissen sicherten. Die Handlungsspielräume von weißen deutschen Frauen waren durch patriarchale Normierungen und Unterdrückung beschränkt, was aber in den Kolonien durch Herrschaftsbefugnisse gegenüber rassifizierten Personen gekreuzt und kompensiert wurde. Den damit verbundenen Handlungsoptionen in der Beteiligung am deutschen kolonialen Projekt, in Komplizinnenschaft, Täterinnenschaft und partieller Privilegierung wollen wir nachgehen. Kolonisierte Frauen wurden mit importierten Geschlechterhierarchien und Rassifizierungen entrechtet, ausgebeutet, verfügbar gemacht und vernichtet, und entwickelten zugleich Strategien zwischen Anpassung und Widerständigkeit, Subversion und Aufruhr.

Die in Deutschland mit wissenschaftlichen Weihen versehenen Rassenideologien und ihre je nach Bedarf wechselnde Bezugnahme auf „Blut“ oder „Kultur“ zur Absicherung rassistischer Herrschaftsverhältnisse, die Entpolitisierung sozialer und ökonomischer Machtverhältnisse durch als „Natur“ deklarierte Prozesse von Rassifizierung und Vergeschlechtlichung, die Rechtfertigung von Ausbeutung durch einen hierarchischen Zivilisierungsauftrag, konkrete Stereotypen über nicht-weiße Menschen, Rassifizierung von Geschlechterverhältnissen und Orientalisierung von Sexismus, Rassismus als persistentes Problem deutscher Frauenbewegungen, exklusives Staatsbürgerschafts-recht und epistemische Gewalt zeigen (postkoloniale) Kontinuitäten der deutschen Kolonialgeschichte, die oft sehr gegenwärtig ist.

Projektstudium: Herangehensweise und methodische Zugriffe

Im Seminar werden wir uns zunächst grundlegendes Wissen über den deutschen Kolonialismus und seine Ausprägungen in verschiedenen Kolonien sowie seine Auswirkungen im „Mutterland“ erarbeiten. Dabei spielen Prozesse von Rassifizierung und Vergeschlechtlichung bereits eine wesentliche Rolle, die aber durch Lektüre und Diskussion einschlägiger Texte zu Rassenideologien und zu Frauen im deutschen Kolonialismus vertieft reflektiert werden sollen. Die Wissensproduktion zu deutschem Kolonialismus ist von Barrieren, Pfadabhängigkeiten, Ausblendungen und Positionierungen geprägt, so dass die Reflektion der Bedingungen von Wissenserwerb und Wissenstransfer sowie die Reflektion der eigenen Positionierung zu und in eigenen und fremden Wissensproduktionen durchgängig relevant sein wird. Wir werden uns daher mit postkolonialer und dekolonialer Theorie sowie feministischen Ansätzen zu Wissensproduktionen befassen. Auch dem Konzept der epistemischen Gewalt, Fragen des Sprachgebrauchs und von Erinnerungskulturen sowie Kontinuitäten und Echos werden wir besondere Aufmerksamkeit widmen.

 

Exkursionen:

  • Museum Treptow (Sterndamm 102, 12487 Berlin): Dauerausstellung „zurückgeschaut I looking back – Die Erste Deutsche Kolonialausstellung von 1896 in Berlin-Treptow“.
  • Postkolonialer Stadtrundgang mit Berlin Postkolonial.
  • Humboldt Forum (Schloßplatz, 10178 Berlin): Dauerausstellung „Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst. Neupräsentation der Sammlungen“.

 

Organisatorisches:

Im Mittelpunkt des Projektstudiums steht das forschende Lernen. Die Teilnehmenden des Seminars entwickeln eine eigene Forschungsfrage, an der sie über zwei Semester mit geeigneten Methoden und begleitet von mehreren Feedback- und Reflexions-Runden arbeiten.

Das Sommersemester dient der Themenfindung, der Entwicklung der Fragestellung, dem Erlernen von geeigneten Methoden und der Erstellung eines Exposés. Wir werden uns mit dem Forschungsstand und den Herausforderungen der Recherche vertraut machen und eine gemeinsame Wissensbasis für das Seminar schaffen. Im Mittelpunkt steht dann die Entwicklung des eigenen Themas und die Erstellung des Exposés. Schon mit Blick auf die pandemische Situation werden wir ferner die geplanten Exkursionen vollständig im Sommersemester durchführen.

Im Wintersemester stehen die (interne) Präsentation des Forschungsprojekts, die Reflektion des Forschungsprozesses und die Erstellung einer endgültigen Projektpräsentation im Mittelpunkt. Auf Grundlage des Exposés entsteht ein Forschungsmanuskript, welches im Seminar präsentiert und diskutiert wird. Die nach einer Reflexionsphase erstellten finalen Ergebnisse des Projektstudiums können unterschiedlich ausgestaltet sein und auch einen über das Seminar hinaus sichtbaren Beitrag zum Forschungsfeld leisten.

Das Projektseminar soll anhand eines geeigneten Themas auf die Erstellung der Masterarbeit als wissenschaftliche Abschlussarbeit vorbereiten. Es ist daher grundsätzlich nur für Studierende des M.A. Gender Studies der Humboldt-Universität geöffnet. Das Projektseminar erstreckt sich über zwei Semester und die Teilnahme ist nur am gesamten Seminar möglich.